Die spirituelle Dimension in der chinesischen Medizin - ein Modell für den Westen?

von Dr. med. Klaus-Dieter Platsch, Vortrag gehalten im Auditorium maximun der Universtität Bern am 9. Dezember 2004 im Rahmen der Vorlesungsreihe "Spiritualität in der modernen Medizin" des Lehrstuhls für Komplementäre Medizin KIKOM.



Als ich diesen Vortrag hier zugesagt hatte, da dachte ich, das ist leicht, nur eine Kleinigkeit, – denn in diesem Thema stehe so drin, darüber habe ich schon so viel gesprochen und geschrieben, dass ich es auch im Traum vortragen könnte. Als ich mich dann aber konkret daransetzte, merkte ich, dass ich ihn einfach nicht schreiben konnte. Ich hatte einen Widerstand, war genervt. Dachte mir, gut, dann mache ich es mir einfach und verändere ein bisschen einen meiner schon gehaltenen Vorträge und das wär´s dann. Aber auch das ging nicht. Ich merkte eine unbändige Ungeduld und Radikalität in mir, die so fordernd war. Ich spürte, ich kann nicht in diesem alten Fahrwasser bleiben, etwas Neues bahnt sich an und verlangt nach Ausdruck.


Es begann schon damit, als ich für diesen Vortrag angefragt wurde: Ich fand zwar das Oberthema der ganzen Vortragsreihe „Spiritualität in der modernen Medizin“ sehr gut und wichtig, aber verspürte eigentlich nur wenig Lust den Part der Chinesischen Medizin zu übernehmen. Wenn schon ein Vortrag, dann hätte ich viel lieber über Spiritualität und Medizin in unserer heutigen medizinischen Landschaft gesprochen. Das ist mir ein viel größeres Anliegen, als Ihnen etwas über die spirituelle Dimension der Chinesischen Medizin zu vermitteln. Den Anschein zu erwecken, als sei Chinesische Medizin gleichzusetzen mit spiritueller Medizin, was wir ihr im Westen oft so unreflektiert unterstellen. Wenn Sie sich die heute in China praktizierte Chinesische Medizin nach einem halben Jahrhundert kommunistischer Herrschaft und nach der chinesischen Kulturrevolution anschauen, dann haben Sie ein Paradebeispiel für eine auf Materialismus reduzierte Medizin, die aber auch gar nichts mehr mit Ganzheitlichkeit oder Spiritualität zu tun hat. Und das, was unsere westlichen Gesundheitssysteme und Krankenkassen an chinesischer Medizin zu adaptieren versuchen, ist nichts weiter, als eine Methode aus einem ursprünglich ganzheitlichen System herauszuknacken, und sie als solche in die westliche Medizin zu integrieren, ohne aber ihren Sinn und Hintergrund mit einzubeziehen.
Was also soll ich über Chinesische Medizin erzählen, wo doch das Thema Spiritualität in der modernen Medizin heißt?


Bei der Betrachtung des von mir selbst formulierten Vortragstitels regten sich ebenso Widerstände. Da ist die Rede von der „spirituellen Dimension der Chinesischen Medizin“. Als gäbe es so etwas wie eine spirituelle Dimension. Wo ist denn die Spiritualität? Wie vielen Vorstellungen über Spiritualität in den Köpfen werde ich begegnen, einschließlich meinen eigenen? Sind das nicht alles nur Konzepte?!


In den über zwanzig Jahren, in denen ich selbst auf einem spirituellen Pfad bin [1, 2] und mir Spiritualität immer wichtig war, in den Jahren, in denen ich über spirituelle Themen geschrieben und gesprochen habe, sind mir alle möglichen Vorstellungen von Spiritualität untergekommen – meistens sehr „heilig“. Im Kontext zur Medizin hatte spirituelle Medizin dann mit Geistheilung und magischen Ritualen zu tun – die Menschen hatten ein Ziel vor Augen, wo sie hingelangen wollten – nämlich zu höherer Erkenntnis, in der sich das eigene Ich wohlgefällig spiegeln und sich mit den höheren Sphären identifizieren konnte. All das nervte mich in der letzten Zeit zunehmend und dafür hatte ich weder Lust, Zeit noch Energie. So saß ich also in der Falle, saß da, und sollte einen Vortrag halten – aber wie und worüber?


Nun ist es natürlich meine Aufgabe, Ihnen heute etwas über die Chinesischen Medizin zu erzählen, und ich werde Sie da hoffentlich auch nicht enttäuschen. Aber ich möchte gleich vorausschicken, dass Chinesische Medizin genauso oder genauso wenig spirituell ist wie die westliche Medizin – das sind nur unsere Vorstellungen über die spirituellen Dimension der chinesischen Medizin. Und das zweite: Die Chinesische Medizin ist auch nur ein Modell einer Medizin – auch sie ist nicht die Wahrheit. Also alles, was ich Ihnen erzähle ist nicht wahr, ist nur immer ein Modell. Glauben Sie mir nicht! Auf der Ebene der Dualität gibt es keine absolute Wahrheit – alles ist relativ. Leider nehmen nur die meisten Menschen alles für die reine Wahrheit, am meisten ihr eigenes Leiden oder ihre Wege ins Glück, indem sie aus ihren Ideen und Erfahrungen sogleich Konzepte und Dogmen machen.


Nur im Nicht-Dualen kann es so etwas wie Absolutheit geben. Aber das Non-Duale ist seiner Natur gemäß nicht erfahrbar – denn wenn ich etwas erfahren kann, dann gibt es immer noch zwei - den Erfahrenden und das, was er oder sie erfährt. Das Non-Duale, die Dimension, in der kein getrenntes Ich und kein Du ist, ist allumfassende Einheit und damit Ganzheit. Und genau das ist es, wenn wir in der tiefsten Dimension von Ganzheit oder hier auch von Ganzheitlicher Medizin sprechen wollen.


Dieses allumfassende Eine hat im chinesischen Kontext einen Namen: Dao.
Enso-Kreis
Wenn ich in letzter Instanz diese Einheit nicht mit meinen physischen Sinnen erfahren kann – denn in der Einheit ist alles eins und zu erkennen braucht es den Unterschied, die Dualität –, dann ist die Dimension, in der wir alle miteinander wirklich eins sind, die Quelle aus der heraus wir alle entstehen und entstanden sind, das Geheimnis der Schöpfung, das Geheimnis des Kosmos.
Der chinesische Philosoph und Meister der spirituellen Ausrichtung des Daoismus, Laotse, hat dazu Folgendes formuliert [3]. Es sagt:


Wenn du Dao sagst, dann ist es schon nicht mehr das ewige Dao.


In dem Augenblick, wo wir etwas aussprechen, sind wir bereits in der Dualität, da gibt es den, der spricht, und das, was gesprochen wird.
So ist Dao die eine Quelle von Ganzheit und Einheit. Und wenn wir überhaupt von einer spirituellen Dimension in der Chinesischen Medizin sprechen wollen, dann können wir in diesem Sinn von einer Medizin der Ganzheit und Einheit reden. Aber vergessen wir nicht, auch das ist ein Konzept. Es ist nichts anderes, als wenn sie moderner gesprochen vom Vakuum am Anfang unseres Universums sprechen, in dem es zum Urknall kam. Oder sie können auch von Gott, dem Schöpfer aller Welten sprechen, oder von Nirwana oder der großen Leere in anderen Kulturen. Es ist in der Essenz immer dasselbe gemeint und ist immer und überall ein Konzept, denn kein menschlicher Verstand ist in der Lage, das Geheimnis der Non-Dualität, des Ursprungs aller Welten zu lüften.


Und dennoch stimmen alle Kulturen und großen Religionen der Welt in der Essenz über diesen namenlosen Ursprung überein. Dieser eine Ursprung unseres Mensch-Seins hat natürlich auch eine große Konsequenz, eine wirkliche Relevanz für uns als Mensch-heit. Wenn wir alle vom gleich Ursprung sind, dann sind wir auch alle miteinander in ursprünglicher Verbindung. Jeder Mensch ist Bruder oder Schwester des anderen. Über alle Rassen und Völker hinaus. Jüngste Gen-Forschungen haben z.B. ergeben, dass weiße und schwarze Menschen genetisch gesehen nicht verschieden sind, sondern im selben Erbgut wurzeln. Warum also dem Nächsten Schaden zufügen? Zwischen mir und dem anderen ist doch auf einer tieferen Betrachtungsebene kein Unterschied! Was ich einem anderen antue, tue ich letztlich doch mir selbst an!


Das ist die eine Konsequenz. Die andere ist: Wenn wir alle Teil dieser Einheit, der Ganzheit sind, dann gehen wir nicht nur aus dieser Einheit hervor, sondern wir gehen auch in sie zurück. Im Kommen und Gehen, in Allem zwischen Geburt und Tod, sind wir in der Dimension der Dualität – der Dimension unserer Welt, in der wir leben. Und Dualität ist relativ. Anders als die Essenz unseres Lebens, die Einheit und Ganzheit ist, die unvergänglich, ewig, zeit- und raumlos ist. Auf diesem zeit- und raumlosen Hintergrund geschieht unser irdischen Leben, das einem ewigen Kommen und Gehen, dem steten Wechsel und Fließen des Lebens entspricht. Laotse sagt das so [4]:


Alle Wesen treten mit Macht hervor. Ich sehe ihnen zu und schaue, wie sie wieder zurückkehren zur Wurzel.


Das Hervortreten und Zurückkehren in der Dimension von Raum und Zeit geschieht ungetrennt von der zeitlosen Wurzel unserer Existenz, die Chinesen würden sagen: ungetrennt vom Dao, ungetrennt von der absoluten Dimension der Einheit. Unser Leben ist nie davon getrennt.

In diesem Spagat leben wir Menschen: Es ist ein ständiges feines Vibrieren zwischen dem zeitlosen Sein, unserer unsterblichen Essenz, und der Relativität unseres Lebens, unserer Freuden und Leiden in Raum und Zeit.


Die Dualität hat im Chinesischen Kontext einen Namen: Yin und Yang. Es sind die zwei polaren Prinzipien, mit der alle Erscheinungsformen dieser Welt beschrieben werden. Yin bedeutete im Ursprung die Schattenseite des Berges und Yang die sonnenbeschienene Seite des Berges. Die duale Welt ist die Welt, wie wir sie mit unseren Sinnen erleben und erfahren, die Welt der drei räumlichen Dimensionen und der Zeit. Alles in diesem Universum können wir nach Yin und Yang beschreiben. Es sind zwei große Ordnungssysteme, in denen wir alles nach diesen Prinzipien sortieren.
Yin-Yang
Wenn Yin die Schattenseite bedeutet dann gehört in diese Kategorie folgerichtig die Dunkelheit und die Nacht, aber auch der Mond, der in der Nacht leuchtet, und die Kälte, da es in der Nacht kälter als am Tag ist, und somit auch der Winter als die kalte Jahreszeit und der Norden als die Himmelsrichtung, wo es kälter ist als im Süden. Auch das Wasser, das das Feuer löscht, gehört hierher. Wasser ist Materie im Gegensatz zum Feuer und so steht Yin auch für Materie, Substanz und das Feste.

Die entgegengesetzten Aussagen gehören dann zur Kategorie des Yang: Yang ist hell und Tag, das Gestirn des Tages ist die Sonne, am Tag ist es warm, die warme Jahreszeit ist der Sommer, seine Himmelsrichtung der Süden. Der Gegensatz zum Wasser ist das Feuer, dessen Prinzip die Energie und das Flüchtige, das Ätherische ist.
Alles in diesem Universum lässt sich auf diese Weise ordnen. Auch unsere Verhaltensweisen und psychischen Kräfte. So entspricht dem Yin der weibliche Aspekt unserer Seele, der Anima, und dem Yang der männliche, der Animus.


Yin und Yang stehen sich aber nicht unversöhnlich und ausgrenzend gegenüber, sondern sie fließen wie Wellen des Wassers ineinander über und ergänzen einander. Es geht hier um das verbindende „sowohl - als auch“ und nicht um das feindliche „entweder – oder“. Es spiegelt hier das tiefe Verständnis, dass alles in der Welt zusammenhängt und nicht ohne einander existieren kann. Dass nichts, wie auch immer wir es bewerten mögen, ausgeschlossen werden kann. Wenn wir in einem Kosmos leben, dessen Quelle Einheit und Ganzheit ist, dann haben alle Erscheinungen und Aspekte dieses Universum nicht nur eine wertfreie Berechtigung, sondern sie bedingen einander auch. Es kann keinen Tag ohne die Nacht geben, es gibt kein dunkel ohne hell, es gibt kein richtig ohne falsch, kein schön ohne hässlich, kein gut ohne böse. All dies bedingt einander und ist untrennbar miteinander verbunden. Nur sind wir leider so konditioniert, dass wir immer nur die eine Seite wollen, nämlich die, die wir als gut, schön, hell und richtig bewerten. Die andere wollen wir nicht. Die sollen dann lieber die anderen haben.


Aber das funktioniert so nicht. Denn wenn wir mit den „dunklen“ Seiten des Lebens nichts zu tun haben wollen, dann verlagern wir sie zwangsläufig auf die anderen. Nur verkennen wir dabei: Je besser, reiner und unschuldiger wir selbst dastehen wollen, desto mehr brauchen wir die, die schlecht, unrein und schuldig sind. Anstatt uns darum zu kümmern, wo die eigenen Schattenseiten liegen, regen wir uns über die der anderen auf. Und wenn das jeder so macht, dann spalten wir in uns gut und böse auf, genauso wie wir die Welt in gut und böse aufteilen. Dann haben wir eine Achse des Bösen, dann gibt es Schurkenstaaten, und auf der anderen Seite die gute Welt. Auf diese Weise kreieren wir selbst die meisten aller Konflikte in unseren persönlichen Beziehungen, wie auch alle großen Weltkonflikte.

Erst wenn wir in uns alle Aspekte unserer Persönlichkeit anschauen [5] und ja zu ihnen sagen, dann entsteht eine völlig neue Dynamik, die kreative fließende Bewegung von Yin und Yang. Dann fügen sich Yin und Yang in uns, wir stehen in einem harmonischen, sich ständig neu balancierenden, inneren Gleichgewicht, wir müssen nichts mehr in uns ausgrenzen und ausmerzen, oder auf andere projizieren, wir müssen uns selbst nicht mehr überhöhen und in Konkurrenz gehen. Das ist der dynamische Zustand von Frieden – innerem Frieden. Und der ist jedem und jeder möglich, unabhängig von seinen äußeren Lebensbedingungen, wie gut oder schlecht sie sind, unabhängig von Gesundheit oder Krankheit, unabhängig vom Alter – das ist Freiheit – innerer Frieden und Freiheit.
Alles andere ist auf Dauer vor sich hin lamentieren, das Leiden kultivieren und sich in ihm einrichten - den Anschluss an das eigene Leben verlieren. Wir können und dürfen uns jetzt und in jedem Augenblick fragen, wo wir da selbst stehen. Und wir haben immer die Möglichkeit, uns zu entscheiden und zu wählen, welchen Weg wir einschlagen wollen. Der Mensch ist frei.


Ein weiterer Grundbegriff der Chinesischen Medizin ist das Qi.

Mit Yin und Yang ist noch nichts in dieser Welt erschaffen, sie sind lediglich polare Ordnungskriterien, nach der sich die duale Welt beschreiben lässt. Yin und Yang treten aus der Einheit, aus dem Ungeteilten, hervor und erzeugen eine Spannung zwischen ihren Polen. Das ist vergleichbar mit dem elektrischen Strom: Zwischen dem Plus- und Minuspol, einer Kathode und einer Anode, entsteht Spannung – und in und durch diese Spannung beginnt der Strom zu fließen. In diesem Vergleich entspricht der Strom dem Begriff des Qi, nur mit dem Unterschied, dass es sich bei Qi nicht um eine physikalisch messbare Größe handelt, sondern um ein energetisches Lebensprinzip – um das Lebensprinzip.


Alles, was in diesem Universum existiert, ist Qi. Qi ist sowohl Ursache jeder Form und Gestalt als auch die Erscheinung selbst. Aus der Hintergrundswirkung des Dao, dem Prinzip der Einheit, kommt es durch die Urspaltung zur Dimension der Dualität, die als Yin und Yang beschrieben wird, aus der heraus sich im Sinne von Qi alle Dinge des Universums manifestieren. Die Galaxien sind Qi, unser Sonnensystem ist Qi, die Sterne, die Sonne, der Mond sind Qi. Jeder Berg, jede Wolke am Himmel, der Himmel selbst und die Erde, auf der wir leben sind Qi. Jedes Lebewesen, jeder und jede von uns hier ist Qi. So sind auch mein Leib, meine Gefühle, meine Psyche, mein Verstand und meine Seele Qi. Alles entsteht in Qi und ist Qi – kommt aus derselben Quelle. Und von daher gibt es auch keine Trennung zwischen Körper, Geist und Seele. Alles in uns ist zutiefst miteinander verknüpft, genauso wie auch wir mit allem und allen um uns herum verbunden sind [6].


Wie aber gehen wir mit diesen Fragen um? Die westliche Kultur gründet immer noch auf dem mechanistischen Newton-cartesianischen Weltbild, das die Welt und in ihr auch den Menschen als eine Maschine betrachtet, die man, wenn man um ihre Funktionen weiß, nach belieben manipulieren kann. Von daher definiert sie das Leben entsprechend mechanistisch und trennt Körper, Geist und Seele.
Dass alles im Menschen seiner Natur nach Qi ist, entspricht auch den Erkenntnissen der modernen Physik, in der ebenfalls die Trennung von Materie und Energie aufgehoben ist. Sie sagt sogar, dass es in Wirklichkeit gar keine Materie gibt, sondern es handelt sich um sogenannte Energiefelder, quasi Formen und Räume, die in erster Linie Information enthalten, und erst sekundär kommt es auf dem Boden von Energie zu dem, was wir mit unseren Sinnen als Materie wahrnehmen [7]. So sind z.B. im menschlichen Energiefeld der Leib mit seinen Strukturen, die Psyche, der Verstand und die Seelenqualität enthalten – aber nicht voneinander getrennt, sondern sie sind ein und dasselbe Energiefeld. Je höher eine Schwingung in diesem Energiefeld ist, desto feinstofflicher ist die Manifestation, je langsamer die Energie schwingt, desto mehr kommen wir in den Bereich der Materie.

So setzt sich das menschliche Energiefeld aus grob- und feinstofflichen Manifestationen zusammen. Feinstofflichkeit und gröbere Materie stehen dabei nicht in einer wertenden Hierarchie. Es ist nicht so, dass das Bewusstsein besser ist als der Leib, oder die Gefühle schlechter sind als der Verstand. Aber die verschiedenen Energieebenen und Ebenen der Manifestation sind unterschiedlich stofflich und die feinstofflicheren, sprich höher energetischen Seinsformen, umfassen die niedrig-energetischen.
Holarchie-Ebenen
D.h. die Ebene des Leibes mit seiner materiellen Struktur, dem vegetativen Nervensystem und der hormonellen Regulation wird umhüllt von der der Gefühle. Das Verstandesbewusstsein als Aspekt des menschlichen Geistes wiederum umfasst Gefühl und Leib. Die mentale Ebene des Verstandes selbst ist umhüllt und eingebettet von der Weite des gesamten individuellen Bewusstseins, das somit in sich die Ebenen des Verstandes, der Gefühle und des Leibes enthält. Und irgendwo wird all das von der Seele des Menschen umfangen und durchdrungen - einer Ebene unseres Seins, von der wir eigentlich nicht viel sprechen können, von der der Mensch aber ein inneres Wissen besitzt.

Aber damit ist es noch nicht vorbei, denn wir gehen weit über unsere Individualität hinaus. Nach dem Prinzip der Nicht-Lokalität der Quantenphysik sind wir nirgends und überall zugleich im Universum [8] – eben nicht getrennt, ohne Zeit und Raum. Das Individuum weitet sich in den transpersonalen Raum des universellen Bewusstseins, denn alles ist Qi und nichts ist von einander getrennt.


Auch wenn die sich einander umhüllenden Seins-Ebenen wie von einander abgegrenzt erscheinen, so gibt es vermutlich doch keine wirklichen Grenzen. Sie sind eher unscharf und durchlässig. Alles ist miteinander durchdrungen, denn alle Erscheinungen sind nichts als reines Bewusstsein, das Gestalt und Form als Leib, als Gefühl, als Verstand oder als Seele angenommen hat.

Und dazu kommt ein weiterer Punkt: Es gibt hier keine Hierarchie. Der Leib ist genauso wichtig wie das Gefühl oder der Verstand, denn alles steht untrennbar in Beziehung miteinander.
So ist Spiritualität nicht etwa losgelöst von unserm Leib, unseren Gefühlen oder unseren Beziehungen zu sehen, sondern alles ist Ausdruck derselben Quelle, alles kommt aus dem Einen. So macht es auch wenig Sinn, sich asketisch zu foltern unter der Vorstellung durch die Vergeistigung des Himmels teilhaftig zu werden. Jeder Teil von uns ist ein Geschenk und gehört zum Ganzen, und will von uns mit Achtung und Wertschätzung verwaltet werden. Diese Nicht-Hierarchie im Sinne der umhüllenden Ordnung hat Ken Wilber als Holarchie bezeichnet [9] (Holon: in jedem Teil ist das Ganze enthalten).


Diese Betrachtung hat Konsequenzen: Auf jeder Ebene des Energiefeldes kann es zu einer Störung kommen und sich nicht nur in der betroffenen Ebene, sondern auch in anderen Ebenen auswirken. So kann eine primäre Störung auf der Leibebene ein Ungleichgewicht in der Psyche mit entsprechenden Beschwerden und Belastungen hervorbringen. Oder eine Lebenssituation, die jemand als ohne Sinn und Zweck erlebt, in der es an spiritueller Orientierung und Erfüllung fehlt, kann sich psychisch als Depression oder körperlich als Herzbeschwerden bemerkbar machen. Hier ist es wichtig, den initialen Grund für die Störung herauszufinden und dann eine dieser Ebene entsprechenden Behandlung oder Intervention einzuleiten. Es macht z.B. wenig Sinn, einen Patienten mit Herzbeschwerden mit Beta-Blockern zu behandeln, wenn ihn die Frage seines sinnentleerten Lebens bewegt. Und andererseits macht es auch nicht unbedingt Sinn, jemanden nur mit Psychotherapie zu behandeln, dessen psychisches Leiden aus einer Störung der körperlichen Befindlichkeit herrührt.


Die Chinesische Medizin hat hier mit ihrem System der 5-Wandlungsphasen schon seit mehreren tausend Jahren einen reichen Erkenntnisschatz vorzuweisen.

Die 5-Wandlungsphasen differenzieren das eine Qi, das alles im Universum erschafft, das alle Erscheinungsformen in dieser dualen Welt ist, quasi in 5 Grundenergien. Wir können uns der Einfachheit halber jede Grundenergie als ein unendlich weites Energiefeld vorstellen, in dem ähnliche Grundinformationen enthalten sind. Das heißt, alles innerhalb dieses Energiefeldes hat eine ähnliche Grundqualität, eine ähnliche Eigenschaft, einen gleichen Geschmack oder eine gleiche Farbe [10].

Die Chinesen nennen diese Grundqualitäten des Qi die 5-Wandlungsphasen: Im einzelnen heißen sie Wandlungsphase Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall Abb.3. Sie sehen, das ist ganz ähnlich wie in den alten Elementen-Lehren unseres westlichen Kulturkreises.
Sheng-Zyklus
Das System der 5-Wandlungsphasen dient in der Chinesischen Medizin als diagnostisches und therapeutisches Instrument. Mit ihm werden die verschiedenen Symptome des Leibes, der Emotionalität, der Psyche und des Verstandes nach ihrer energetischen Zugehörigkeit geordnet, wodurch die Vielfalt der Symptome einen gemeinsamen Nenner in einer entsprechenden Energie-Phase findet, der zum Ausgangspunkt für die Behandlung wird.

Die Chinesische Medizin spricht nun nicht von Elementen, sondern von Wandlungsphasen, wu xing. Diese chinesische Bezeichnung bedeutet 5 Fahrzeuge. Elemente sind ihrer Natur nach statisch-materiell, sie bleiben, was sie sind. Sie können sich nur durch Kombination zu etwas weiterem verbinden. In der Idee der Wandlungsphasen steckt aber die Qualität der Energie sowie der Bewegung und des Wandels, eines der grundlegendsten Prinzipien der chinesischen Medizin und Kultur. Nichts bleibt, wie es ist. „Alles fließt“, so wie es im alten Griechenland Heraklit gesagt hat.

Jede Wandlungsphase beinhaltet die kosmischen Beziehungen, die jeweiligen Entsprechungen in der Natur mit Klima und Jahreszeiten, sowie die Beziehungen im Menschen in Bezug zu seinem Leib, seinen Gefühlen und seinen psychisch-seelischen Aspekten. Die 5 verschiedenen Grundqualitäten stehen dabei nicht beziehungslos und willkürlich nebeneinander, sondern sie stehen in einem sinnvollen Bezug und einer sinnvollen Abfolge zueinander. Und jede dieser Grundenergien geht nahtlos in die jeweils nächste über, so dass die Energie in ihrer Gesamtheit stets fließt, Altes zurücklässt und Neues gebiert.


Wir können das sehr leicht am Jahreszeitenwechsel ablesen.
Vegetationszyklus
Zur Wandlungsphase Wasser, die dem dunklen Yin entspricht, gehört die dunkle Jahreszeit, der Winter. Der Winter geht über in das Frühjahr, das dem Holz entspricht, das Frühjahr in den Sommer, der Jahreszeit des Feuers, der Sommer in den Spätsommer – Sie sehen, bei 5 Wandlungsphasen brauchen wir auch 5 Jahreszeiten -, der zur Erde gehört, und letzterer geht über in den Herbst, der Zeit des Metalls, um dann den Zyklus wieder von Neuem zu beginnen.

Übertragen auf den Zyklus eines Menschlebens hieße das: Der Mensch wird im Wasser geboren, erlebt seine Jugend im Frühjahr, durchschreitet seinen Lebenssommer, die Zeit seiner Blüte und höchsten Lebenskraft, erreicht dann den Spätsommer seines Lebens, um wiederum in den Lebensherbst einzutreten, die Zeit, in der er sich auf den Abschied von seinem Erdendasein vorzubereiten hat. Im Wasser, das der Stille und endlosen Ruhe des Winters entspricht, zieht sich der Mensch von der Oberfläche seines Lebens zurück in seinen ureigensten Urgrund, der das Leben selbst ist.


Ich möchte hier exemplarisch und stellvertretend eine Wandlungsphase für alle übrigen erläutern, nämlich die Wandlungsphase Holz:
Funktionskreis Holz
Die Energiequalität dieser Phase ist die Frühlings- und Anfangsenergie. Es ist diejenige Kraft, die vom Augenblick der Geburt an den Menschen heranwachsen und ihn in seine Kraft kommen lässt. Die Farbe – auch Farben sind Energie, sie haben auch energetische Wirkung z.B. in der Behandlung eines Menschen – die Farbe des Holzes ist grün, wie die des jungen Grünholzes. Das Holz, das gerade sprießt, die grünen Knospen, die im Frühjahr aufbrechen. Aufbruch und Anfang sind die Qualitäten. So wie der Tag mit dem Sonnenaufgang beginnt, so gehört auch die Himmelsrichtung des Ostens, der Ort, wo die Sonne aufgeht, zur Energie des Holzes.

Wachsen und Werden des jungen Lebens sind dynamische Lebensprozesse, die im Wind auf der Ebene des Klimas ihr Abbild finden. Auch er steht im Dienst des Lebens, er trägt die Saat und die Pollen für den nächsten Lebenszyklus an sein Ziel. Der Wind kann aber auch zu stark werden und dann zu Problemen in der Wandlungsphase Holz führen. Menschen, die gegen Wind und Zugluft sehr empfindlich sind, weisen auf eine Disharmonie im Holz hin.

Alles im Holz steht unter dem Aspekt von Wachsen und Bewegen. So ist auch unsere Fortbewegung über den Muskel-Sehnen-Apparat mit der Holzenergie assoziiert. Um uns im Raum zu orientieren und uns in ihm bewegen zu können, brauchen wir die optische Kontrolle durch das Sehen. So gehört auch das Sehen hierher. Das, was ich sehe, ist immer etwas außerhalb von mir. Das Sehen hilft mir, mich in der Welt zurechtzufinden, mein Gegenüber wahrzunehmen, das Ich vom Du zu unterscheiden. All das geschieht auch in den ersten Lebensjahren, in denen wir aufwachsen und beginnen in die Welt hinauszugehen – sie zu erobern. Wir erkunden unseren Lebensraum, beginnen ihn abzugrenzen und unsere Grenzen auszuprobieren: Was geht und was geht nicht? Das feine Spiel zwischen meinem eigenen Lebensraum und dem der anderen muss eingeübt werden. Das geht nicht immer ohne Schmerzen und nicht immer ohne Auseinandersetzung. Das Pendant in der Tierwelt ist der Kampf um das Revier – den Lebensraum, der abgesichert werden muss. So steht das Holz auch im Zeichen von Verteidigung und Aggression, von Lebensraum und Lebensimpuls.


Die Chinesen ordnen jeder Wandlungsphase auch eine Organenergie zu. Beim Holz ist es die Leber- und Gallenblasen-Energie. Dabei sind Leber und Gallenblase nicht als anatomisch und physiologisch definierte Organe im rechten Oberbauch zu verstehen, sondern es geht hier um ein Energiesystem, ein Energieprinzip. Es heißt: Die Leber-Energie lässt das Qi frei fließen. Und damit sind alle Ebenen der Holz-Energie gemeint: die motorische Bewegung, die Gemütsbewegung, wie auch mein ganzer Lebensfluss. Leber-Energie ist Lebensenergie. Sie sorgt dafür, dass ich meine Lebensimpulse wahrnehme und mich auf sie beziehe.


Nehme ich meine Impulse nicht wahr, stagniere ich, dann kommt in mir das Gefühl von Wut, Ärger, Unzufriedenheit und Frustration auf. Genauso wie ich es empfunden habe, als ich mich daran setzte, diesen Vortrag zu schreiben, und ich merkte, dass ich nicht nur so einfach über Chinesische Medizin schreiben wollte.
Wut ist Leber-Energie, und damit weder schlecht noch gut. Wut signalisiert nichts weiter als: Hoppla, pass auf, hier läuft etwas, was du nicht so gut findest, da geht dir etwas gegen den Strich! So gesehen ist Wut nichts weiter als das natürliche Gefühl, das Nicht-Stimmigkeit ansagt, uns quasi mit Nachdruck darauf aufmerksam macht, dass etwas anders gemacht werden muss, dass es einer Korrektur bedarf. Das Phantastische an der Wut ist zum einen, dass es uns genau zum Thema hinführt, das gerade ansteht, und zum anderen: Wut ist geballte Lebensenergie, ist eine enorme Kraft, die wir wunderbar dazu nutzen können, das, was unseren Lebensfluss blockiert, zu korrigieren. Das ist „gesunde Wut“.

Probleme mit der Wut bekommen wir immer dann, wenn wir uns nicht auf sie beziehen, wenn wir permanent einen Ärger herunterschlucken, uns einschränken lassen oder uns selbst einschränken. Viel Ärger kommt, weil man sich eingeschränkt fühlt, und die meisten von uns projizieren diese Einschränkung nach außen – machen andere für ihr Leben auf Sparflamme verantwortlich. In Wirklichkeit sind wir es in den meisten Fällen selbst, die sich einschränken, weil wir uns nicht trauen, zu uns selbst und unseren Lebensimpulsen zu stehen. Die Angst ist das größte Hindernis in diesem Zusammenhang.


Wie leicht geschieht es, dass man sich ärgert, weil man Lust hat auszugehen, aber der Partner müde und schlaff nicht aus dem Sessel kommt. Wie viele bleiben dann zu Hause, weil der andere nicht zu motivieren ist, und verzichten auf ihren Impuls. Sie schränken sich damit selbst ein! Was hindert uns denn, zu sagen: „Na dann nicht. Dann geh´ ich eben allein!“ Oder mit einer Freundin oder einem Freund. Nein, man will den Partner oder die Partnerin nicht kränken, vergiftet aber frustriert die Atmosphäre und es wird ganz gewiss ein Abend zweifelhafter Gemütlichkeit. Natürlich kann es sein, dass man die Erfahrung gemacht hat, dass der Partner einen tatsächlich hindert zu gehen – entweder moralisch oder manipulativ bis hin zur Gewalt, aber wenn man aus Angst das weiterhin duldet, dann kommt unweigerlich jede Lebensfreude und jeder eigene Lebensimpuls zum Erliegen und man muss sich fragen, ob in dieser Beziehung nicht etwas grundsätzlich im Argen liegt. Sonst wird man depressiv – die unterdrückte Seite der Wut. Auch diese Situation wird oft als hoffnungslos und unabänderlich empfunden und man fühlt sich ohnmächtig, weil man gegen den anderen nicht anzukommen meint. Wie viele Menschen bewegen sich in solchen Teufelskreisen. Aber auch hier ist es die Angst, die sie zum Ertragen des Unerträglichen führt, und es ist ihre eigene Angst, das Hindernis zur Veränderung liegt in ihnen selbst, nicht im Partner.

Die Depression ist also auch ein Indikator für nicht gelebtes Leben und kann ein Hinweis auf eine Störung in der Wandlungsphase Holz sein.


Was im Hinblick auf die Chinesische Medizin nun besonders spannend ist, ist, dass alle Aspekte von Leib, Psyche, Verstand und Spiritualität innerhalb einer Wandlungsphase miteinander in einer qualitativ gleichartigen und spezifischen Beziehung stehen. Als ein Beispiel: Es kommt nicht selten vor, dass ein und dieselbe Person unter Sehstörungen, rheumatischen Beschwerden des Bewegungsapparates, unter Schmerzen unter dem Rippenbogen oder Kopfschmerzen leidet, vielleicht auch unter einer Depression oder unterdrücktem Ärger. Dann haben alle diese Beschwerden nach der Chinesischen Medizin den gleichen Nenner: Sie gehören nämlich zu einem Erkrankungsmuster der Wandlungsphase Holz. In der westlichen Medizin betrachten wir jede der Erkrankungen als eine einzelne, gesonderte, die mit den anderen in keinerlei Zusammenhang steht. Was also bei uns üblicherweise geschieht, ist, dass wir mit den Sehstörungen zum Augenarzt, mit den rheumatischen Beschwerden zum Rheumatologen, mit den Kopfschmerzen zum Neurologen und mit der Depression zum Psychiater oder zum Psychotherapeuten gehen. Und keiner weiß etwas vom anderen, und keiner fragt nach den anderen Symptomen, geschweige denn sieht einen möglichen Zusammenhang.

In der Chinesischen Medizin haben Sie hier eine gemeinsame Wurzel in der Entstehung dieser verschiedenen, im äußeren Erscheinungsaspekt so unterschiedlich anmutenden Erkrankungen. Und diese Wurzel ist klar umrissen: Das Thema lautet: Die Lebensenergie fließt nicht. Etwas ist in der Stagnation. Wir leben ein gebremstes Leben.


Das, was sich einschränkt, das, was sich verletzt fühlt, das was wütet und agiert, oder das, was sich aus Angst zurückzieht und zurücknimmt, ist nichts als das kleine Ich, das Ego [11]. Die ganze Krux, das gesamte Dilemma unseres Unglücks steht in Verbindung mit diesem Ich. Die Konsequenz daraus ist aber nicht, das kleine Ich abzuschaffen – wie es sooft auf dem spirituellen Weg missverstanden wird - , denn ohne unser Ego könnten wir unseren Alltag gar nicht bestehen. Es geht mehr darum, dass das Ego seinen rechten Platz einnimmt und seine Aufgaben als Hausmeister wahrnimmt, nicht aber als Hausherr. Solange wir dessen unbewusst sind, tut das Ego gern so, als wäre es selbst der Hausherr und wir lassen es so unser Leben bestimmen. Letztlich aber ist auch unser Ego Teil des Ganzen und geht in ihm auf.

Ich begegne vielen Menschen – und ich nehme mich da nicht aus -, die immer wieder um ihr Ich, um ihre Verletztheit und ihr Versagen kreisen. Manche machen sich deshalb ihr ganzes Leben lang klein und leiden unter ihrer Ohnmacht und geben den anderen Menschen oder dem Schicksal die Schuld an ihrem vermasselten Leben. Andere wiederum gehen in die Offensive, um ihre Sensibilität und ihren Schmerz zu verbergen, blasen sich auf, machen sich unnahbar, dominieren nach außen, und kompensieren so ihren selbst empfundenen Mangel. Wie auch immer das im Außen in Erscheinung treten mag, es ist jedes Mal dasselbe: es ist das Kreisen um die eigene Geschichte, um die eigene Verletzung.


Gerade habe ich eine Frau in Behandlung, die, seit ich sie kenne, in Schmerz und Trauer lebt, weil sie sich von ihrem Partner mehr Aufmerksamkeit und Zusammensein erwartet, sie sich aber darin stets enttäuscht sieht. Der Partner ist tatsächlich ein eher introvertierter Mensch, aber dennoch nicht abweisend oder verletzend. Er fühlt sich über die Jahre nur überfordert, mit den Selbstwertschwierigkeiten seiner Frau umzugehen. Auf der Erkenntnisebene hat die Patientin, die selber in einem therapeutischen Beruf arbeitet und die selbst schon genügend Therapie gemacht hat, alle Zusammenhänge ihres Selbstwertproblems, dieses permanenten Gefühls „Ich bin nicht o.k.“, das in ihrer Kindheit wurzelt, durchschaut, aber irgendwie holt sie ihre Lebensgeschichte immer wieder ein.
Dabei hat sie gerade durch ihre so beschaffene Lebenserfahrung ein unschätzbares Potential einer besonderen Liebesfähigkeit entwickelt, die sie privat wie auch beruflich einsetzt, - nur sich selbst zu lieben und ihr wirkliches Wesen zu sehen, fällt ihr schwer.


Ein anderer Patient, den ich gerade wegen seit vier Jahren bestehender chronischer Nasennebenhöhlen-Entzündungen behandle, ist seit dieser Zeit von der Idee besessen, dass sein Gesicht geschwollen sei – was objektiv kaum zu sehen ist – und dass er sich dadurch hässlich fühlt. Und es macht ihm Angst, dass sich seine Freundin von ihm abwenden könnte, weil er entstellt wäre. Dieses Thema der Entstellung, der Entzündungen im Gesichtsbereich, seine fortwährende Beschäftigung mit dieser „Erkrankung“, hat nach vier Jahren bewirkt, dass die Freundin sich jetzt wirklich getrennt hat, aber nicht weil sie ihn nicht attraktiv genug gefunden hätte, sondern weil sie es nicht mehr aushalten konnte, dass sich ihr Partner nur noch mit seiner Krankheit und vermeintlichen Hässlichkeit beschäftigte und so nur noch um sich selbst kreiste.


Die Frage, die hier hochkommt, ist: Womit identifizieren wir uns? Was ist denn wirklich für uns wichtig? Was gibt uns denn Sinn? Wer sind wir denn?

Wer wir sind und wie der Mensch zwischen der Einheit des Dao und den Facetten des dualen Lebens oszilliert, findet in einem klassischen Text der Chinesischen Medizin folgenden Ausdruck [12]:

Der Himmel in mir ist das Schöpferische,
die Erde in mir sind alle Dinge dieser Welt.
Das Schöpferische fließt herab,
alle Dinge dieser Welt breiten sich aus in Raum und Zeit
und dort ist Leben.


Wenn es heißt „Himmel in mir ist das Schöpferische“, dann ist hier die spirituelle Dimension des Menschen angesprochen – das, was ihn beseelt und was er in Essenz ist. Der Mensch ist universelles Bewusstsein – individuell gesehen wirkt er wie ein Teil des universellen Bewusstseins, aber, da es keine Trennung gibt, da alles aus der Wurzel der Einheit und Ganzheit heraus entsteht, ist der Mensch auch gleichfalls das universelle Bewusstsein.

„Das Schöpferische fließt herab.“ Es ergibt sich hier eine vertikale Bewegung von oben nach unten – so wie wir gemeinhin das schöpferische Göttliche, das Numinose dem Himmel zuordnen.
Achsenkreuz Numinosität und Raum-Zeit
Dies entspricht einer vertikalen Beziehungsachse. Von oben nach unten meint nicht einen Ort – das Göttliche ist nicht oben. Es ist überall - ein ortloser Ort. Oben-unten ist symbolisch zu verstehen und weist auf eine Ebene außerhalb von Raum und Zeit hin, auf etwas, das zeitlos, ewig ist. Das Göttliche ist immanent. Es ist.

Aus dem schöpferischen Urgrund, der ursprünglichen Einheit, treten nun alle Dinge dieses Universums in Erscheinung, bekommen Gestalt und Form. Hier sagt der Text: „Alle Dinge dieser Welt breiten sich aus in Raum und Zeit.“ Dies entspricht einer horizontalen Beziehungsachse – einer Achse, die Kommen und Gehen, Werden und Vergehen repräsentiert. Alle Lebensprozesse unterstehen diesem steten Wandel von Geburt, Leben und Sterben. Horizontal steht für die räumliche Ausdehnung, so wie die Sonne im Osten aufgeht, den Zenit erreicht und im Westen letzten Endes wieder untergeht. Das Durchschreiten der Himmelsrichtungen repräsentiert den dreidimensionalen Raum und die damit verbundene Zeit.


Nun heißt es: „Dort ist Leben.“ Genau im Schnittpunkt der Achse des Schöpferischen, Numinosen, mit der Achse von Raum und Zeit spielt sich unser irdisches Lebens ab. Das heißt, jedes Ding, jedes Lebewesen in diesem Universum ist in jedem Augenblick durchdrungen von der ursprünglichen Schöpfungsessenz. Die spirituelle Dimension im Menschen ist immanent, sie unterliegt nicht den Gesetzen von Raum und Zeit. Dieser Klang im Menschen ist die Ewigkeit, dort ist der Mensch in seiner Essenz, in dem, was schon immer vor seiner Geburt, während seines irdischen Lebens und nach seinem physischen Tod da war, ist und sein wird - unvergänglich. Dieses trägt ihn durch Zeit und Raum, durch seinen Lebenszyklus, durch die Höhen und Tiefen unseres Daseins und ist unverbrüchlich, immer ganz und heil.

So auf uns selbst und auf andere Menschen zu schauen, ist wie eine grundlegender Paradigmawechsel, der angesichts dessen, wie wir miteinander umgehen in dieser Welt, dringend ansteht. Wir schauen auf das, was wir in Essenz sind, was unser eigentliches Wesen ist. Und nicht nur immer auf die Oberfläche unseres Daseins, auf unser Ego, das uns ständig Probleme macht, wenn wir zu identifiziert mit unserer Person, unserem Ich sind [13].

Ein Mensch, der diesen Fokus hat, - und das gilt für Ärzte und Therapeuten in Bezug zu sich selbst und ihren Patienten und Patientinnen – lässt alle Bilder von richtiger oder falscher Entwicklung hinter sich zurück. Er ist nicht mehr mit seinem persönlichen Wollen involviert. Denn unabhängig davon, ob wir einen Schritt tun oder nicht, unabhängig von der Richtung, die wir einschlagen, ist das eine Leben. Es ist einfach.


Die Lebensgeschichte ist für jeden Menschen einmalig. Und interessant ist, dass zwei verschiedene Menschen gleiche oder ähnliche Leidensgeschichten haben können, und dennoch völlig anders damit umgehen können. Der eine zerbricht daran und der andere wird daran stärker. Wie kommt das? Auch das ist zu einem großen Teil eine Frage, mit welchem Teil in mir ich mich identifiziere: mit dem, der immer nur Pech hat, oder dem, der das Unglück als Herausforderung annimmt? Jeder Mensch hat irgendwo die Wahl, sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden! Wir können immer unsere Einstellung ändern, und beginnen zu einer Situation, die ich nicht zu ändern vermag, einfach einmal ja zu sagen, sie einfach nur anzunehmen. Erst dann kann sich eine neue Dynamik entwickeln.


Es ist gut und wichtig auf seine Lebensgeschichte zu schauen. Zu schauen, was ich alles nicht bekommen habe, aber auch auf das, was ich bekommen habe. Auf die Verletzungen und den Mangel meiner Kindheit, auf die Ablehnung von Vater oder Mutter, auf die Entbehrungen einer Kindheit in der Kriegs- oder Nachkriegszeit, auf die Schrecken dieser Geschichte. Es ist wichtig, sie zu schauen und ihre Bedeutung für mein Leben zu erkennen.

Aber dann ist es auch nötig, sie gehen zu lassen, sie nicht wie schweres Gepäck durch mein ganzes Leben zu schleppen, und jeden Augenblick meines gegenwärtigen Lebens mit all dieser Schwere und dem gesammelten Leiden vergangener Jahrzehnte zu würzen und zu vergällen. Es braucht einen Schlusspunkt und eine Versöhnung mit der eigenen Geschichte. Unsere Zeit ist reif, dass wir aus unseren individuellen Betrachtungen aussteigen und uns mehr und mehr als das Ganze, als Teil des Ganzen begreifen.

Neben der Deutung unserer selbst birgt die Lebensgeschichte mit all ihren Erfahrung auch das Potential, das wir für uns und andere Menschen hilfreich einsetzen können. Wenn jemand einen Alkoholiker als Vater hatte, dann kann er mit dieser Erfahrung Menschen, in deren Familie ein Alkohol-Problem besteht, viel besser helfen, als jemand ohne diesen Hintergrund. Wenn jemand in einem Mangel an Liebe als Kind groß werden musste, dann hat der- oder diejenige ein besonderes Verständnis und Einfühlungsvermögen für andere, denen es an Liebe mangelt. Und sie können ihnen vielleicht sogar mit ihrem eigenen Beispiel helfen, wie trotz dieser lieblosen Kindheit die Liebe in ihnen gedeihen konnte. In unserem Leid steckt das Potential zur Überwindung des Leids, wir müssen nur manchmal unseren Blickwinkel ändern und aus unserem Selbstmitleid heraustreten.


Nun zum Schluss noch zur Frage:
Kann die spirituelle Dimension der Chinesischen Medizin ein Modell für den Westen sein?


Wenn Spiritualität nicht etwas außerhalb von uns selbst ist, die sich in hehren Sphären eines vergeistigten Menschen abspielt, der im Glauben an seine Erleuchtung vergisst, dass das Leben auf dieser Erde seinen Wert und seine Freude hat, wenn wir verstehen, dass Spiritualität das Leben selbst ist und sich in einem Vibrieren zwischen der non-dualen Einheit und der dualen Welt abspielt, wenn wir verstehen, dass Spiritualität alles umfasst, dass es keine Trennung zwischen heilig und profan, hoch und niedrig, einfach und kompliziert, richtig und falsch gibt, dann kann man sagen, ist die Zeit reif, dass sich unsere moderne Medizin auch wieder auf ihre Wurzeln bezieht.


Chinesische Medizin ist ein Modell wie auch die westliche Medizin. Sie beschreibt einen Teil der umfassenden Wahrheit auf der Ebene der Dualität. Sie kann nicht die ganze Wahrheit beschreiben, genauso wenig wie die westliche Medizin. Medizinmodelle sind Konzepte und alles, was wir über Spiritualität sagen können, sind auch Konzepte. Irgendwo gibt es eine Schnittmenge mit der Wahrheit, aber wahr sind sie nicht.


Was die westliche Medizin von der Chinesischen Medizin lernen und neu integrieren kann, ist ihr Verständnis von Ganzheit und Einheit – von der Ungetrenntheit allen Seins und im Menschen von der Ungetrenntheit von Körper, Geist und Seele.


Wovon die Menschen im Westen profitieren würden, wäre ein wachsendes Verständnis, dass der Mensch und seine Krankheiten wie auch seine Gesundheit nicht wie Maschinen manipuliert werden können. Das jeder Mensch seine eigene Heilkraft und Heildynamik besitzt, die nicht in Doppelblindstudien erkannt und kalkuliert werden können.


Der Westen muss lernen mit größerer Sorgfalt und Bescheidenheit, mit weniger Selbstgerechtigkeit und Arroganz sich den Dingen des Lebens und dem Geheimnis von Gesundheit und Krankheit zu nähern.


Die westliche Medizin muss aufhören, den Glauben zu verbreiten, sie sei unfehlbar, weil wissenschaftlich – was ohnehin jeder aus eigener Erfahrung in Frage stellen würde –, und könnte Gott ungehindert in die Karten gucken.


Aus der Chinesischen Medizin können wir viel lernen über die Bewegung des Lebens, über ihr Verständnis von Kommen und Gehen, Geboren-Werden und Sterben, zu wissen, wann man festhalten und wann loslassen muss.
In dieser ewigen Bewegung, die sich auch in den 5 Wandlungsphasen ausdrückt, gibt es immer die Stille, die Ewigkeit des Augenblicks. In ihr offenbart sich die Wurzel, die Essenz des Lebens. Dort ist Leben, das nie geboren wird und nie stirbt. Dort ist die Quelle, aus der heraus Heilung geschieht.


Nicht
ich als Arzt heile,
sondern aus diesem Urgrund,
der der Heilkern
eines jeden Menschen ist,
geschieht
es.

Literatur
[1] Tweedie I.: Der Weg durchs Feuer. Ansata Vlg., Interlaken 1988.
[2] Kaiser A.: Jenseits aller Pfade. Theseus Vlg., Berlin 2004.
[3] Laotse: Dao De Jing, Kap. 1
[4] Laotse: Dao De Jing, Kap. 16
[5] Jung C.G.: Grundwerk 3. Walter Vlg., Olten 1984.
[6] Platsch K.D.: Psychosomatik in der Chinesischen Medizin – wenn Geist Essenz durchdringt. Urban&Fischer, München 2000.
[7] Dürr H.P.: Naturwissenschaft und Spiritualität. In: Platsch K.D. (Hrsg): Bewusstsein und Transformation – ein Geschmack vom Ganzen. Books on Demand, Norderstedt 2005.
[8] Warnke U: Die geheime Macht der Psyche – Quantenphilosophie, die Renaissance der Urmedizin. Popular Academic Verlags-Gesellschaft, Saarbrücken 1999.
[9] Wilber K: Ganzheitlich Handeln. Arbaor Vlg. 2001.
[10] Platsch K D: Die fünf Wandlungsphasen – das Tor zur Chinesischen Medizin. Urban&Fischer, München 2005.
[11] Sri Nisargadatta Maharaj: Ich bin. Kamphausen Vlg., Bielefeld 1998
[12] Wu Jing-Nuan: Lingshu or The Spiritual Pivot. University of Hawaii Press, Honululu 1993.
[13] Platsch K D: Medizin und Spiritualität – ein Geschmack vom Heilen. Books on Demand, Norderstedt 2002.